Anekdoten

Erinnerungen eines Schachspielers

von Oliver Zind

Der Eintritt

Es war im Jahre 1981,  als den Schachclub eine große Krise ereilte. Da dem Verein die Jugendspieler fehlten, drohte der Verein zu überaltern. Man konnte an Spieltagen gerade noch eine Mannschaft stellen, die ein Durchschnittsalter von weit jenseits der 50 Jahre hatten. Da die Verantwortlichen keinen Ausweg mehr aus dieser Situation sahen, überlegte man zeitweise sogar schon  den Verein aufzulösen. In dieser Zeit starteten zwei der Verantwortlichen einen letzten verzweifelten Versuch einen Ausweg zu finden. Mit einer Anzeigenkampagne im Dorfblättle  versuchte sie,  die ortsansäßigen Jugendlichen auf den Schachclub  aufmerksam zu machen. Dabei galt es vor allem, eines der größten Vorurteile gegenüber dem königlichen Spiel, daß Schach nämlich nur  von älteren Herren in verrauchten Nebenzimmern von Gaststätten  gespielt wird, aus dem Weg zu räumen und auch Jugendlichen schmackhaft zu machen.   Um dies zu erreichen, stellte einer der Verantwortlichen (der Löffel Löffel Helmut) seinen "rauchfreien" Hobbyraum zur Verfügung.  Mit Süßigkeiten und anti-alkoholischen Getränken wollte man für das leibliche Wohl der jungen Spieler sorgen, um so auch noch die letzten Zweifel eventuell pessimistischer Mütter  aus dem Weg zu räumen.

Es war schon ein etwas komisches Gefühl dabei, als ich zum ersten Mal den Raum betrat.  Gerade mal 16 Quadratmeter groß, keinerlei Fenster, ein bisschen schwummrige Beleuchtung,  viel zu warm (mindestens 30 Grad) und total überfüllt  von Jugendlichen. Aber das eigentliche Kuriosum waren die beiden Männlein am Eingang. Der erste war schon im Rentenalter (über 70), groß gewachsen, total abgemagert, eingefallene Wangen, nicht gerade frisch gewaschene Haare  und (!!!) eine Zigarette im Mundwinkel (so viel zum "rauchfreien" Raum). Der Andere war etwas kleiner, war etwas dicklicher, hatte rote Ohren, und einen kleinen Sprachfehler Sprachfehler (!). So standen sie am Eingang und begrüßten jeden Neuankömmling überschwänglich  freundlich: "Komm rei, mei Lieber, willsch was drinke, setz de,  mir spiele a Partie." und "Komm rei rei rei, wo gehörsch dann hin hin. Ach ja, dem sei Enkel bisch, den kenn ich  den kenn ich". Es waren de Möckel und de Löffel Löffel. Irgendwie waren die beiden mit ihrer herzlichen Art doch allen gleich sympathisch und so geschah es, dass sich niemand an dem viel zu kleinen Raum störte oder dem "rauchfreien" oder dass es viel zu warm war. Nein, die meisten Jugendlichen (nicht alle) fanden Gefallen an dem Ganzen und kamen so regelmäßig wieder zum Schachclub und wurden so Mitglieder im Verein. Das Konzept ging auf und der Verein ging neuen Zeiten entgegen.

Die Schachbuwe

Von den vielen Jugendlichen, die kamen und gingen,  kristallisierte sich bald eine kleine Gruppe heraus, die regelmäßig zum Training in den Schachraum kamen. Es entwickelte sich sehr schnell  eine tiefe Beziehung zu den beiden Originalen (de Möckel und de Löffel Löffel) und so wuchs eine kleine Gruppe eigentlich total unterschiedlicher Leute zusammen.  Die Tür stand immer offen für uns und wann immer wir auch kamen, wurden wir freundlich empfangen. Liebevoll wurden wir immer die "Schachbuwe" genannt, nicht nur vom Löffel und vom Möckel, sondern auch von all den Mietern der Friedrichstrasse 9-11, die immer irgendwie dazu gehörten. Es waren dann auch wir Schachbuwe, die die Führung des Vereines übernahmen und, so hoffen wir doch, das in uns gesetzte Vertrauen aller  nicht enttäuschten.

Der Schachraum

Schon bald nach der Gründung der Schachjugend waren so viele Jugendlichen im Verein, dass der Schachraum aus allen Nähten platzte. Darum entschloss sich unser Gönner Helmut Löffel  seinen Hobbyraum auszubauen. Für die Dauer des Umbaus zog die Jugendgruppe des Vereines in einen löffelschen Kellerraum. Weiße kahle Wände, Plattenboden, kalt, ein paar Bierbänke und -tische, aber mindestens dreimal so groß wie der alte Raum. Obwohl es ein sehr spartanischer Raum und ein sehr spartanisches Leben war, war der Bann des Schachclubs ungebrochen. Keiner störte sich an der mangelnden Einrichtung. Nach dem Umbau des alten Hobbyraums verließen wir die löffelschen Kellergewölbe wieder und zogen in den neuen mindestens dreimal so großen Hobbyraum ein. Es war ein "warmer" Raum, Holzdecke, Holzwände, keine Fenster, aber eine Lüftungsklappe (!!!) für den "rauchfreien" Raum und groß genug damit vier Mannschaften (32 Spieler !!!) ihre Mannschaftskämpfe austragen konnten. In diesem Raum verlebten wir viele schöne Jahre und ich glaube, es war dieser Raum, der dem Schachclub sein Image gab und der den meisten noch und immer in Erinnerung bleibt.

Eines Tages mußten wir aber auch diesen Schachraum verlassen. Grund war ein großer Neubau auf dem löffelschen Grundstück. Nachdem wir für ein Jahr in den Gemeinschaftsraum der AWO umgezogen waren und dort unsere Schachabende verlebten, präsentierte uns unser Helmut seinen neu fertiggestellten Hobbyraum. Eine Augenweide, ein riesiger Raum, große Fenster, weiße Wände, gekachelter Boden mit Fußbodenheizung und und und...und rauchfrei (endlich !!). Ich glaube, es gibt im ganzen Schachbezirk keinen Verein,  der so einen schönen Vereinsraum hat um seine Trainingsabende oder Mannschaftskämpfe auszutragen. Letztendlich, nach all den Jahren, kann sich der Schachclub nicht genug bedanken bei unserem Gönner Helmut Löffel Löffel, dass er uns all diese Räume zu Verfügung gestellt hat, dem Schachclub immer zur Seite stand und vor allem bei all unseren Vorhaben tatkräftig unterstützte.

Der Kirschbaum und andere Kuriositäten

Es gab schon einige Kuriositäten in den letzten 15 Jahren seit der Gründung der Schachjugend und so ist es schwer einen Anfang zu finden.  Das eigentliche Wahrzeichen unseres Vereines müsste eigentlich der Kirschbaum sein (Gott hab ihn selig). Die Ausstattung des Schachraumes war nicht allzu üppig und es fehlte hin und wieder an einigen elementaren Dingen z.B. große Fenster zum Lüften des "rauchfreien" Raumes oder schlicht und einfach eine Toilette. Es war schon ein kleines Problem wenn man mal musste. Vor allem für unsere Gegner, die die Örtlichkeiten bei uns ja nicht kannten. Und so sah sich jeder, der unsere Jugendleiter nach dem stillen Örtchen befragte mit der Frage konfrontiert: "Mußt du den groß oder klein?" War ersteres der Fall, so bekam man freundlich den Weg zur löffelschen Wohnung und deren stillen Örtchen beschrieben. Im zweiten Falle ABER wurden jedem der kurze Weg zum Kirschbaum hinterm Haus erklärt!!! Obwohl dies nun doch schon viele Jahre her ist, so wird man als Spieler von Berghausen noch heute von unseren Gegnern doch hin und wieder mit einem Schmunzeln gefragt, ob es den Kirschbaum hinterm Haus denn noch gäbe. Sollte sich der Vorstand des Vereines jemals dazu entscheiden eine Fahne oder ein Wappen des Vereines einzuführen, so plädiere ich dazu den Kirschbaum als Symbol aufzunehmen, denn es ist wohl der bekannteste Kirschbaum im ganzen Schachbezirk!!!

Es war immer wieder interessant den Partien unserer beiden Jugendleiter (dem Möckel und dem Löffel Löffel) zuzusehen. Nicht weil sie von großmeisterlichen Zügen gesegnet waren, sondern wegen der freundschaftlichen Verbissenheit mit der diese Partien geführt wurden. Keiner gab nach oder wich auch nur einen Schritt zurück. Es wurde gekämpft und gefighted bis zum Schluss. Dabei war der Kampf nicht nur auf das Schachbrett begrenzt, sondern es fand regelmäßig auch eine psychologische Kriegsführung der beiden gegeneinander statt, mit der jeder den anderen aus der Ruhe bringen wollte. Dies machte die Partien für uns Jugendliche immer wieder interessant. Die Züge des Gegners wurden prinzipiell verhöhnt: "Des hab i gewisst, gewisst." oder "Des hab i gsehen." oder "Des macht mir doch gar nix.". Die eigenen Züge wurden dagegen immer als gut gewertet: "Gut gebrüllt Löwe." oder " Hahaha, jetzt gugsch aber.". Diese Kämpfe wurden immer hart und verbissen bis zum Letzten ausgetragen. Nach dem großen Finale dann, daß einen der beiden als Verlieren und den Anderen als Sieger präsentierte, folgten dann die obligatorischen Sieger- und Verliererrituale, die ungefähr folgendermaßen abliefen. Im Falle des Verlustes der Partie stellte der Verlierer unzweifelsfrei fest, dass der Sieger nicht etwa besser gespielt hatte, sondern man selbst hatte einen groben Fehler gemacht, der dann zum Verlust der Partie führte. Dies würde ja nie wieder geschehen und in der nächsten Partie würde man alles besser machen und die eigenen Steine zum Sieg führen. Im Falle des Sieges aber folgten herzerweichende Gesänge, bekleidet von stürmischen Händeklatschen, damit auch bis in die letzte Ecke des Raumes bemerkt wurde, dass man einen großartigen Sieg errungen hatte. Zum Abschluß der Partie folgte dann die obligatorische Zigarette danach des einen bzw. der andere Spieler versuchte seine durch die Spannung der Partie hochrot glühenden Ohren mit einem Hopfengetränk zu kühlen. Es war immer wieder spannend, amüsant und ein unvergessliches Ereignis der Partien der beiden Großmeister beizuwohnen. Zu erwähnen wäre noch, dass die Gegner prinzipiell immer nur gemeinsam zur Toilette (Entschuldigung, zum Kirschbaum) gingen, damit auch sichergestellt war, dass der Gegner nicht in der Zwischenzeit irgendwelche unfairen Züge machte.

 

Fazit

Dies alles und noch viel mehr machte den Schachclub zum dem was er heute noch ist: Einen kleinen Verein mit viel Charme. Die Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden, hält bis zum heutigen Tage an. Es gäbe noch viele Anekdoten, die zu berichten wären, doch viele davon verstehen nur wir Schachbuwe als Insider. Darum sage ich als Abschluss nur, es waren viele schöne Jahre, die wir als Schachbuwe verlebt haben und hoffentlich können unsere Nachfolger auch einmal auf so viele schöne Erinnerungen zurückblicken wie wir.